Kirschblütenzeit

 

Ivys Blick fängt sich an dem Hügel aus Blüten, den Moe bereits zusammengekehrt hat.
„Schade um diese Pracht“, murmelt sie.
„Sie werden so oder so schnell braun. Und es kommen noch genug nach. Wie hast du letzten Frühling dazu gesagt? Etwas Japanisches.“
Hanami“, erwidert Ivy. „Sich an der vergänglichen Schönheit der Blüten erfreuen. Oder aware. Das Gefühl, wenn man weiß, dass ein besonderer Augenblick nicht von Dauer sein wird. Wie die allerersten Tage des Frühlings, bis man das Grünen und Blühen als selbstverständlich hinnimmt. Die letzten Tage des Sommers, wenn schon etwas vom Herbst zu ahnen ist.“
Wie Moe hebt sie die Augen zu dem Gewölbe aus blühenden Kirschzweigen über ihnen, ein ätherisches Gebilde aus Farbe und Duft.
„Ich habe mich immer gefragt, warum ausgerechnet das Japanische solche Worte kennt. Für die Poesie des Kleinen, Wunderbaren. Für das, was so schnell wieder vergeht. Warum sind diese Worte in anderen Sprachen so selten?“
Moe gibt ein scharfes Auflachen von sich, in dem sein gutmütiges Wesen durchklingt; bei ihm ein Ausdruck von Zustimmung oder Verwunderung, manchmal beides zugleich.
Mit andächtiger Miene nimmt er mit seinem Besen wieder den gleichmäßigen Rhythmus auf und verwirbelt Blütenfontänen wie Konfetti. Wann immer Sonnenstrahlen sein dunkles Gesicht streifen, schimmert es auf wie gealtertes Kupfer. 
Moe hält inne und stützt sich auf dem Ende des Besenstiels ab.
„Vielleicht ist das so, weil es den meisten Menschen leichter fällt, solche Dinge nur zu umschreiben. Wenn es kein Wort dafür gibt, ist es nicht Teil unserer Welt. Dann kann man vergessen, dass nichts ewig ist.“

  • Die Hüterin der verlorenen Dinge, Kapitel 1

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Sneak peek No. 2

Nach dem ersten Band der Eisbaronin-Saga im August wird mit dem Herbst «Die Hüterin der verlorenen Dinge» in die Welt hinausziehen: Großstadtmärchen, Roadmovie, Coming-of-Age-Story.

Ivy Silvergren ist zehn, als ihre Mutter spurlos verschwindet: Lila Glass, in jungen Jahren eine ebenso gefeierte wie umstrittene Dichterin. Ivy und ihr Vater, ebenfalls Schriftsteller und mit bewegter Vergangenheit, bleiben mit nichts als Fragen zurück, auf die sie keine Antworten finden.
Dreizehn Jahre später hat Ivy aus dem Suchen und Finden einen Beruf gemacht und in Straßenkehrer Moe einen guten Freund gefunden. Ivys heimliche Leidenschaft gehört seltenen Wörtern – und den verlorengegangenen Dingen, die sie in den Straßen New Yorks aufliest und ihnen eine eigene Geschichte schenkt: ein gläserner Wal, ein präparierter Kugelfisch, eine Ballerina aus Porzellan …
Als ihr Vater wieder heiraten will und Ivy sich Jack, dem Pflastermaler, vorsichtig zu öffnen beginnt, holt der Verlust ihrer Mutter sie wieder ein.
Ivy bricht zur wichtigsten Spurensuche ihres Lebens auf – nach ihrer Mutter und dabei unweigerlich nach sich selbst.

Eine Geschichte von Müttern, Vätern und ihren Töchtern, über die Poesie der kleinen Dinge und das Glück des Augenblicks.

E-Book ab 11. September, Print ab 9. Oktober.

HarperCollins Germany: Die Hüterin der verlorenen Dinge

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