Osterglocken

“Also wachsen sie auch bei euch?”
Er nickte.
“Bei uns werden sie allerdings nicht in Miniaturgröße gezüchtet oder in Form gebracht. Wir belassen sie, wie sie sind. Es ist auch eine andere Art von Narzisse: die Blüte ist größer und meist einfarbig gelb. Im Frühling wachsen sie überall, ganze Felder davon. Felder wie aus Gold.”
Ein Bild voller Poesie.
“Fortune …”
Ein leichtes Heben seiner Brauen verriet, dass er mir zuhörte, während er weiter seine Narzissen pflanzte.
“Wie kann es sein, dass die gleichen Pflanzen an Orten wachsen, die so weit auseinander liegen? In zwei verschiedenen Welten? Die gleichen Pflanzen – und doch nicht in der gleichen Gestalt?”
Fortune hielt inne und dachte nach.
“Ich weiß es nicht”, sagte er schließlich. “Vielleicht hatten diese beiden Arten von Narzissen einen gemeinsamen Vorfahr, vor unendlich vielen Generationen von Ost nach West gebracht oder umgekehrt. Wie die Menschen seit jeher Pflanzen von einem Land in das andere mitgenommen haben, von Kontinent zu Kontinent. Und seither haben sich diese Narzissen verschieden entwickelt. In unterschiedlichem Boden, unterschiedlichem Klima. Vielleicht ist diese Variante aus einer Urform gezüchtet. Wie der Mensch schon immer versucht hat, größere oder süßere Früchte wachsen zu lassen. Schönere Blumen, in bestimmten Farben.”

 
Der englische Botaniker, Seite 165 f

Narzissen gehören zu Ostern wie bunte Eier und Hasen.

Ursprünglich stammen sie aus dem südlichen Europa, vor allem von der iberischen Halbinsel, und von dort haben sie auch den Sprung nach Nordafrika geschafft. Aber auch in China gibt es eine Narzissenart, Narcissus tazetta, vermutlich durch arabische Händler über die Seidenstraße mitgebracht, und dort hat sie auch Robert Fortune gesehen und beschrieben.

Im Vergleich zu den Chrysanthemen oder den Päonien hat die Narzisse in der chinesischen Gartenkunst keine besondere Bedeutung, gilt aber dennoch als Glückssymbol.

Frohe Ostern!

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