Wolkengucken

«Eine Gummiente.»
Ivys Blick folgt Jacks Zeigefinger an den Himmel hinauf. Erst als sie sich neben ihm ausstreckt, schält sich eine Form aus den Wolken heraus.
«
Ein Hund», widerspricht sie. «Ein Boxer.»
«
Jetzt schon.»
Ein leises Lachen perlt zwischen ihnen auf und ebbt sanft wieder ab. (…)
Jetzt ist sie es, die den Finger hebt und eine langgezogen mäandernde Wolke nachzeichnet.
«
Schau. Ein Drache.»
Das Gras neben ihr raschelt. Wie ein leiser Windhauch ist es, als Jacks Kopf ihren streift, ein Kribbeln bis in ihren Bauch hinab.
«
Jetzt sehe ich ihn auch.»
In Zeitlupe windet sich der Drache über den Himmel, spreizt seine Klauen und schließt sie wieder; das Rauchfähnchen, das er dabei ausspeit, zerfasert allmählich und zergeht, genau wie der Drache selbst.
«
Ich bin neugierig, Ivy», hört sie Jack flüstern. «Ich würde gerne deine Fotos sehen. Deinen Blick auf New York. Irgendwann einmal. Wenn du willst.»
Während sich Stimmen und Schritte durch den Park nähern und wieder entfernen und die Wolken über sie hinweggleiten, muss Ivy daran denken, dass in jeder Sekunde, die sie hier liegt, Millionen ihrer Zellen absterben und sich gleichzeitig fast genauso viele wieder bilden und sich währenddessen die Erde dreißig Kilometer weiter um die Sonne gedreht hat, die ihrerseits um ihre eigene Achse rotiert.
Alles ist in Bewegung, verschiebt und verändert sich, subtil und fließend, und dieses eine Mal stemmt Ivy sich dem nicht entgegen.
Sie nickt.

Die Hüterin der verlorenen Dinge, Kapitel 14

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