Pfingstrosenzeit

Da waren sie. mudan.
Irgendwo im Gedärm der Stadt, wo übelriechende Rinnsale über das Pflaster liefen. Wo die Häuser sich so weit aufeinander zu neigten, dass nur dünne Streifen Licht in die Gassen fielen und sich der Wind schneidend hindurchpresste.
Strauchpäonien.
Hinter einer baufälligen Fassade, vor der es nach ranzigem Fett und Unrat stank. Jenseits eines Hofs mit einem Schweinepferch und eifrig pickenden Hühnern. Auf der anderen Seite einer Mauer, die auf ihrem krummen Rücken Jahrhunderte zu tragen schien.
Paeonia suffruticosa.
Buschig und hochgewachsen, fast schon kleine Bäume, und in prachtvoller Blüte stehend. In Schattierungen von leuchtendem Pink und sattem Purpur, Pfirsichfarbe und Korallenrot. Von einem blassen Rosa, das bläulich angehaucht war. Reinstes Weiß, zur Blütenmitte hin golden auslaufend.
Farben, die den kleinen Innenhof erleuchteten, irgendwo tief in dieser grauen Stadt. Ein Garten inmitten der weiten Steinwüste, wohl kaum größer als zwanzig auf zwanzig Schritte, die Luft darin wie frischgewaschen und süß, ähnlich feuchtem Herbstlaub oder überreifem Obst.
Fortune konnte der Versuchung nicht länger widerstehen. Zwischen Daumen und Zeigefinger ließ er die Blütenblätter einer Päonie hindurchgleiten, die ihn an die Schwingen eines Schwans erinnerten. Bestimmt gab es selbst in ganz China keine Seide, die sich damit vergleichen konnte.

Der englische Botaniker, Kapitel 19

Die Pfingstrose oder Päonie ist eines der ältesten Blütensymbole Asiens, zusammen mit der Pflaumenblüte sogar das traditionelle florale Symbol Chinas. Die Königin aller Blumen und die Blume des Kaisers. Die Blume, die Glück und Reichtum verspricht und Sinnbild für die Schönheit der Frau.

Päonien, Yun Shouping (1633-1690)

Die Formen und Farben der Päonien, die zurzeit so prächtig in unseren Gärten blühen, gehen auf die Päonien zurück, die Robert Fortune in China gefunden und mit nach Europa gebracht hat.

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Den Geheimnissen des Tees auf der Spur

Fünf Jahre hat es gedauert – jetzt haben die Wissenschaftler vom Kunming Institute of Botany in China einen ersten Entwurf für das Genom der Teepflanze Camellia sinensis fertiggestellt: viermal so groß wie das Genom des Kaffees, größer als das Genom der meisten bisher sequenzierten Pflanzen.

Von diesen Forschungsergebnissen erhofft man sich Erkenntnisse darüber, was diese Pflanze so besonders macht – und dadurch die Geheimnisse des Tees auf einer genetischen Basis zu entschlüsseln.

Robert Fortune wäre entzückt.

Researchers Read the Genome in the Tea Leaves

It’s massive – €”four times that of coffee …

Quelle: www.smithsonianmag.com/smart-news/teas-genome-published-first-time-180963113/

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Zum Tag der Erde

Er hatte geglaubt, die Beschaffenheit der Natur zu kennen. Ihre Grundlagen. Ihre Mechanismen.
Die Natur war jedoch kein Uhrwerk aus zwar zusammenhängenden, aber eigentlich voneinander unabhängigen Teilen, das man beliebig auseinandernehmen und wieder zusammensetzen konnte. Ein eigenständiges Wesen war sie. Ein lebendiger, atmender Organismus, eigenwillig und noch voller Rätsel.
Alles hing zusammen und bedingte einander: Himmel und Erde und Berge, Pflanzen und Tiere und Menschen. Untereinander verbunden in einem hauchfein gewobenen, unendlich komplexen Netz, das seinem ganz eigenen Herzschlag, seinen eigenen Atemzügen folgte. Wo auch immer man an diesem Netz zog, es zusammenzurrte oder dehnte, es vielleicht sogar zerriss – es würde weitreichende Folgen haben. Weiter, als des Menschen Verstand und Sicht womöglich ermessen konnte.
Ein Menschenleben würde nicht ausreichen, um dieses Netz zur Gänze zu erforschen und zu verstehen, vielleicht würden auch die Wissbegierde und die Studien vieler Generationen dafür nicht ausreichen.

Der englische Botaniker, Seite 450

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