Wolkengucken

«Eine Gummiente.»
Ivys Blick folgt Jacks Zeigefinger an den Himmel hinauf. Erst als sie sich neben ihm ausstreckt, schält sich eine Form aus den Wolken heraus.
«
Ein Hund», widerspricht sie. «Ein Boxer.»
«
Jetzt schon.»
Ein leises Lachen perlt zwischen ihnen auf und ebbt sanft wieder ab. (…)
Jetzt ist sie es, die den Finger hebt und eine langgezogen mäandernde Wolke nachzeichnet.
«
Schau. Ein Drache.»
Das Gras neben ihr raschelt. Wie ein leiser Windhauch ist es, als Jacks Kopf ihren streift, ein Kribbeln bis in ihren Bauch hinab.
«
Jetzt sehe ich ihn auch.»
In Zeitlupe windet sich der Drache über den Himmel, spreizt seine Klauen und schließt sie wieder; das Rauchfähnchen, das er dabei ausspeit, zerfasert allmählich und zergeht, genau wie der Drache selbst.
«
Ich bin neugierig, Ivy», hört sie Jack flüstern. «Ich würde gerne deine Fotos sehen. Deinen Blick auf New York. Irgendwann einmal. Wenn du willst.»
Während sich Stimmen und Schritte durch den Park nähern und wieder entfernen und die Wolken über sie hinweggleiten, muss Ivy daran denken, dass in jeder Sekunde, die sie hier liegt, Millionen ihrer Zellen absterben und sich gleichzeitig fast genauso viele wieder bilden und sich währenddessen die Erde dreißig Kilometer weiter um die Sonne gedreht hat, die ihrerseits um ihre eigene Achse rotiert.
Alles ist in Bewegung, verschiebt und verändert sich, subtil und fließend, und dieses eine Mal stemmt Ivy sich dem nicht entgegen.
Sie nickt.

Die Hüterin der verlorenen Dinge, Kapitel 14

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Kirschblütenzeit

 

Ivys Blick fängt sich an dem Hügel aus Blüten, den Moe bereits zusammengekehrt hat.
„Schade um diese Pracht“, murmelt sie.
„Sie werden so oder so schnell braun. Und es kommen noch genug nach. Wie hast du letzten Frühling dazu gesagt? Etwas Japanisches.“
Hanami“, erwidert Ivy. „Sich an der vergänglichen Schönheit der Blüten erfreuen. Oder aware. Das Gefühl, wenn man weiß, dass ein besonderer Augenblick nicht von Dauer sein wird. Wie die allerersten Tage des Frühlings, bis man das Grünen und Blühen als selbstverständlich hinnimmt. Die letzten Tage des Sommers, wenn schon etwas vom Herbst zu ahnen ist.“
Wie Moe hebt sie die Augen zu dem Gewölbe aus blühenden Kirschzweigen über ihnen, ein ätherisches Gebilde aus Farbe und Duft.
„Ich habe mich immer gefragt, warum ausgerechnet das Japanische solche Worte kennt. Für die Poesie des Kleinen, Wunderbaren. Für das, was so schnell wieder vergeht. Warum sind diese Worte in anderen Sprachen so selten?“
Moe gibt ein scharfes Auflachen von sich, in dem sein gutmütiges Wesen durchklingt; bei ihm ein Ausdruck von Zustimmung oder Verwunderung, manchmal beides zugleich.
Mit andächtiger Miene nimmt er mit seinem Besen wieder den gleichmäßigen Rhythmus auf und verwirbelt Blütenfontänen wie Konfetti. Wann immer Sonnenstrahlen sein dunkles Gesicht streifen, schimmert es auf wie gealtertes Kupfer. 
Moe hält inne und stützt sich auf dem Ende des Besenstiels ab.
„Vielleicht ist das so, weil es den meisten Menschen leichter fällt, solche Dinge nur zu umschreiben. Wenn es kein Wort dafür gibt, ist es nicht Teil unserer Welt. Dann kann man vergessen, dass nichts ewig ist.“

  • Die Hüterin der verlorenen Dinge, Kapitel 1

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