Bildnis in Grün

Da sitzt sie.

Zwischen dunkelroten Wänden, in einem der kleineren Räume des Kunstmuseums am Flussufer. Obwohl sie nicht besonders groß ist, bleiben die Besucher vor ihr stehen.
Es sind ihre Farben, die anlocken. Die vielen Meter malachitgrüner Seide, die sich an den Ärmeln bauschen und von der Taille des Kleides hinabfließen. Der üppig drapierte Vorhang in Moosgrün hinter einer Schulter, der Ausblick aus einem Fenster (oder ist es ein gerahmtes Gemälde im Gemälde?) hinter der anderen: ein Städtchen an einem Fluss, eine Landschaft unter stürmischem Himmel, in Tannengrün und Meeresgrün, verwaschenem Türkis und Petrol, Oliv und Pistazie.

Ein Ozean in Grün, mit hellen Gischtsäumen und goldenen Glanzlichtern, der das Auge bannt und darin umherschweifen lässt und doch immer wieder auf das Gesicht im Zentrum lenkt.

Traurig sieht sie aus, finden manche; gelangweilt wirkt sie auf andere oder verträumt. Einige beschleicht vielleicht das Gefühl, sie nicht zum ersten Mal zu sehen.
Wer ist sie?

Sie ist keine Mona Lisa, sie lächelt nicht. Ihr Blick verliert sich im Raum zwischen Modell, Maler und Betrachter, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Wer war sie?

– Die Farben der Erinnerung, Outro

Sie ist das Herzstück der Farben der Erinnerung: die Dame in Grün.

Die Dame in Grün – Bildquelle: Wikimedia Commons

 

 

 

Das Renaissanceporträt im Frankfurter Städel Museum ist der Ausgangspunkt von Gemmas Spurensuche. Der rote Faden, der sich durch die gesamte Handlung zieht und die einzelnen Zeitebenen miteinander verbindet: Lucrezia am Hof von Ferrara. Das viktorianische Dichterpaar Elizabeth Barrett und Robert Browning. Sylvia und Clifford in den 1980er Jahren und Gemma und Sisley heute, im Jahr 2017.

Im Gegensatz zu der anderen Dame in (Oliv-)Grün, der Mona Lisa, ist unsere Dame in Grün nicht weltberühmt. Keine vielfach kopierte und adaptierte Ikone. Nicht das am gründlichsten untersuchte und am meisten beschriebene Werk der Kunstgeschichte, vor dem Tausende von Museumsbesuchern jeden Tag Schlange stehen.

Es ist das rätselhafte Lächeln, mit dem die Mona Lisa in ihren Bann zieht, wie es heißt. Die meisterliche Hand da Vincis und nicht zuletzt die noch immer diskutierte Frage, wen er damit porträtierte.

Diese Frage hat die Mona Lisa mit unserer Dame in Grün gemeinsam.

Wer ist die Dame in Grün aus dem Städel? Eine noble venezianische Dame? Giulia Gonzaga, die Geliebte des Kardinals Ippolito de‘Medici? Eine Dame aus Siena, aus der Familie der Spannocchi? Eine Frau namens Maddalena vielleicht, da sich das Miniaturporträt der Gemme als Maria Magdalena deuten lässt?

Wir wissen es nicht. Und genauso wenig wissen wir, wer dieses Porträt gemalt hat. Die abgebildete Mode, die Technik, Komposition und Details des Gemäldes sind teils als flämische, teils als italienische Schule kategorisiert worden. Und für jede mögliche Identifizierung der Porträtierten gab es in der Deutungsgeschichte des Gemäldes mindestens einen Maler, dem es zugeschrieben wurde.

Es ist wie in der Analogie vom Huhn und dem Ei: wüssten wir, wer der Maler war, könnten wir vielleicht das Modell identifizieren – und umgekehrt.

Gänzlich unbekannt ist unsere Dame in Grün dennoch nicht: Allein bei mir zuhause finden sich zwei historische Romane, für deren Cover das Porträt verwendet wurde.

Vielleicht trug ich das unbewusst mit mir, als ich der Dame in Grün bei meinem allerersten Besuch im Städel zufällig begegnete. Auf jeden Fall zog mich die reiche Palette an Grüntönen an. Der sich kontinuierlich verändernde Ausdruck auf ihrem Gesicht. Der Aufbau des Bildes und die Details, die für mich etwas Rätselhaftes hatten.

Ich witterte eine Geschichte, die ich gern erzählen würde.

Laut einer der überlieferten Zuschreibungen soll es sich bei der Dame in Grün um Renée de France handeln, die Mutter des Herzogs von Ferrara, Alfonso II d’ Este – doch ich konnte keine Ähnlichkeit zwischen ihren verbürgten Porträts und der Dame in Grün feststellen. Wohl aber zwischen der Dame in Grün und Eleonora de Toledo und ihrer Tochter Lucrezia, der ersten Ehefrau Alfonsos. Deren kurzes Leben ist überschattet von ihrem frühen Tod – und von der Legende, Alfonso habe sie vergiften lassen, unsterblich gemacht durch Robert Brownings My Last Duchess. Und auch Bronzino, der Hofmaler der Medici – oder zumindest ein Künstler aus seiner Werkstatt, diese Art von Unterscheidung war damals fließend – war schon als Schöpfer der Dame in Grün gehandelt worden.

Ich hatte meine Geschichte gefunden.

Wie ein Uhrmacher nahm ich das Gemälde Detail für Detail auseinander, recherchierte zu Symbolik und Bildsprache und setzte es im Rahmen der Romanhandlung neu zusammen. Zu einer komplexen Karte, die Gemma und Sisley den Weg zu den Geheimnissen der Vergangenheit weist. Mit einer erdachten Hintergrundgeschichte, die in den historischen Fakten wurzelt und eine Verbindung zu Robert Browning und Elizabeth Barrett herstellt.

Denn manchmal ist ein Gemälde der Schlüssel zu einem Geheimnis.

Die Dame in Grün in der digitalen Sammlung des Städel

 

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In einem Schloss im Schwarzwald

Es war ein großartiger Abend in Bonndorf, wo ich vergangenen Donnerstag auf Einladung der Stadtbibliothek aus meinem Botaniker gelesen und erzählt habe.

Mit meinem Webmaster und Flora Jägler von der Stadtbibliothek Bonndorf.
Bild: Gudrun Deinzer

Die letzte Lesung dieses Jahres, im puderzuckrig verschneiten Schwarzwald und ganz vorweihnachtlich-feierlich im Schloss.

Schloss Bonndorf

Eine kleine Nachlese zu diesem Abend gibt es bereits im Südkurier und in der Badischen Zeitung.

Bonndorf: Lesung: Nicole C. Vosseler fesselt ihre Zuhörer | SÜDKURIER Online

Bonndorf: Lesung: Nicole C. Vosseler fesselt ihre Zuhörer | SÜDKURIER Online

Nicole C. Vosseler hat ihre Zuhörer bei einer Lesung in der Stadtbibliothek in das China des 19. Jahrhunderts entführt. Worum es in ihrem Roman “Der englische Botaniker” geht, und ob sich die Lektüre lohnt, erfahren Sie hier.

Quelle: www.suedkurier.de/region/hochrhein/bonndorf/Lesung-Nicole-C-Vosseler-fesselt-ihre-Zuhoerer;art372589,9532134

 

Wie der Schwarztee in den Westen kam – Bonndorf – Badische Zeitung

Wie der Schwarztee in den Westen kam – Bonndorf – Badische Zeitung

Autorin Nicole Vosseler liest aus ihrem Roman “Der englische Botaniker”, der auf Fakten basiert.

Quelle: www.badische-zeitung.de/bonndorf/wie-der-schwarztee-in-den-westen-kam–146350835.html

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Buchstäblich staunenswert

Die Buchstaben des Alphabets und unsere Ziffern, versteckt in den farbenprächtigen Mustern von Schmetterlingsflügeln – diese Welt hört nicht auf, mich zu erstaunen und zu bezaubern.

Entire Alphabet Found on the Wing Patterns of Butterflies

Entire Alphabet Found on the Wing Patterns of Butterflies

Norwegian nature photographer Kjell Bloch Sandved has devoted his photographic career to capturing the beauty of the world we live in and along the way …

Quelle: mymodernmet.com/kjell-bloch-sandved-butterfly-alphabet/

 

 

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