Der Geisterbär

Sebastian bleibt stehen und blickt einem graubraunen Eichhörnchen nach, das in Stop-Motion einen Baumstamm hinaufklettert. Als er sich weiter umsieht, stellt er fest, dass er jetzt schon die Orientierung verloren hat und sein Zeitgefühl gleich mit. Ist er eine Stunde unterwegs oder mehrere oder schon fast einen ganzen Tag?
Nichts um ihn herum kann ihm diese Frage beantworten, und mit einem Blick auf seine Armbanduhr stellt er fest, dass sie irgendwann seit dem Abflug aus dem Küstenstädtchen stehengeblieben ist. Als hätte sie bereits vor der Zeitlosigkeit dieses Orts kapituliert.
Bei seiner Suche würden ihm auch keine Karte, kein Kompass etwas nützen. Nichts davon könnte ihm verraten, wo er den Bären findet. Niemand weiß, wo genau in diesen Wäldern er lebt. Dieser eigentlich schwarze Bär, der ein weißes Fell hat. Kein Eisbär. Auch kein Albino, dem die Farbpigmente fehlen. Sondern eine echte, eigene Unterart des Schwarzbären. Eine Genmutation aus der Eiszeit, die bis zum heutigen Tag einen von zehn schwarzen Bären zu einem Geisterbären macht, in manchen Gegenden hier sogar einen von dreien. Eine Laune der Natur. Eine Legende.
Man sagt, der Geisterbär verleiht nicht nur demjenigen, der ihm begegnet, Mut und Stärke. Er hat auch magische Kräfte: Immer, wenn der Geisterbär irgendwo gesichtet wird, soll Ungewöhnliches geschehen, Unmögliches wahr werden.
Sebastian muss diesen Bären finden.
Um jeden Preis.

aus: «Into the Woods»
in der Anthologie «Hoffnungsschimmer – Im Dunkel ein Licht»

Guardians of the Great Bear Rainforest

“The Raven left every tenth bear white to remind us of when the earth was covered in glaciers.” #ExploreCanada

Quelle: matadornetwork.com/tv/guardians-great-bear-rainforest/

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